25
Einen Großteil des Morgens war Reichen durch die Korridore des Hauptquartiers geschlichen und hatte erfolglos versucht, die Krämpfe und Zitteranfälle loszuwerden, die seinen Körper beutelten. Barfuß tappte er über einen der langen, gewundenen Korridore aus weißem Marmor und musste fast alle zwanzig Schritte stehen bleiben, wenn das Zittern und das trockene Würgen so heftig wurden, dass er nicht mehr weiterkonnte.
Kalter Schweiß bedeckte seine Brust, die kühle Luft im Hauptquartier setzte seiner Haut zu wie eine arktische Windböe. Seine Jeans hingen ihm wie Gewichte an den Beinen und dampften, so sehr schwitzte er. Zitternd griff er nach der Wand, um sich abzustützen, als sein Schädel zu dröhnen begann und ihn eine weitere Welle der Übelkeit packte. Als er die Augen öffnete, fiel sein Blick bernsteingelb durch die Schlitze seiner Lider. Er schmeckte Blut auf der Zunge und stellte erschrocken fest, dass seine Fangzähne voll ausgefahren waren und ihre scharfen Spitzen sich in seine Unterlippe bohrten. Seine Dermaglyphen pulsierten am ganzen Körper und füllten sich dunkel mit den Farben seines heftigen Hungers.
„Scheiße“, zischte er, als ihm erneut der Schmerz in die Eingeweide fuhr. Er sank auf dem harten, glänzenden Boden in die Knie.
Zusammengekrümmt und keuchend verschränkte er die Arme über seinem krampfenden Bauch und verbiss sich das Aufstöhnen, das sich tief aus seiner Kehle rang. Seine Ohren dröhnten vom Geräusch des Blutes, das durch seine Venen raste, ein rhythmisches Dröhnen, das ihn beinahe wahnsinnig machte. Er beugte sich vor, um Wange und Stirn auf den kalten Stein zu legen, bis der Schmerz nachließ, konzentrierte sich einfach nur darauf, einzuatmen und auszuatmen, ein und aus...
Bei Gott, sein Blutdurst war wieder da, schlimmer denn je. Fast den ganzen Morgen hatte er schon an ihm gezerrt wie eine Krähe an Aas. Das war der einzige Grund gewesen, der ihn von Claire ferngehalten hatte, als sie mit den beiden anderen Gefährtinnen zu ihrer Tagesmission aufgebrochen war, um Informationen für den Orden zu sammeln.
Glücklicherweise hielten sich die meisten Krieger und ihre Gefährtinnen derzeit im Techniklabor oder ihren Privatquartieren auf - immerhin ein kleiner Trost. Es wäre ihm unerträglich gewesen, wenn ihn zufällig jemand in diesem erbärmlichen Zustand gesehen hätte.
Unter Mobilisierung all seiner Willenskraft zwang Reichen sich aufzustehen und schlurfte auf unsicheren Beinen über den Korridor. Wie sich herausstellte, befand er sich ganz in der Nähe des Waffenraums. Die Dunkelheit in der leeren Einrichtung kam ihm gelegen, als er sich hineinschleppte und an der nächsten Wand zusammenklappte. Erschöpft und sterbenselend sackte er in sich zusammen, sein Atem drang rasselnd durch seine gefletschten Zähne und Fänge.
Vielleicht hatte er ein paar Sekunden geschlafen, vielleicht sogar eine Stunde. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als das leise Scharren der sich öffnenden Tür ihn aus dem Schlaf riss und rund um ihn die Lichter des Schießstandes aufflammten.
Verschwommen nahm er im verspiegelten Glas des Übungsraums neben der Tür Tegan wahr, dessen Hand sich gerade vom Lichtschalter senkte.
Der Krieger murmelte einen obszönen Fluch und irgendetwas von Deja-vu, aber Reichens Hirn war zu angeschlagen, um zu verstehen, was er damit meinte.
Wie ein Häufchen Elend kauerte er da und knurrte dem anderen eine Warnung zu, ihn in Ruhe zu lassen.
Doch Tegan schnaubte nur spöttisch und kam in großen Schritten auf ihn zu. Stechende grüne Augen, aus denen kaltes Verstehen sprach, durchbohrten Reichen. „Fühlst dich wohl genauso scheiße, wie du aussiehst.“
Reichen schluckte, seine Kehle war zu ausgedörrt, um etwas zu sagen. Wütend funkelte er zu dem Gen Eins hoch, den er für seinen Freund hielt, vom unentwegten Pochen in seinem Kopf verschwamm ihm die Sicht. Dennoch erhaschte er Tegans prüfenden Blick und wusste, dass der Krieger seine Höllenqualen an den aufgewühlten Farben seiner exponierten Glyphen unweigerlich ablesen konnte.
„Das Blut, das du vor ein paar Nächten in der Stadt zu dir genommen hast, hätte eigentlich viel länger vorhalten sollen“, sagte Tegan, seine tiefe Stimme klang flach wie gehämmerter Stahl. Er ging vor Reichen in die Hocke und reckte ihm sein Kinn entgegen, seine Nasenlöcher blähten sich leicht sich beim Einatmen. „Wie lange hast du diesen Durstanfall schon?“
Er schaffte ein unbestimmtes Schulterzucken. „Den ganzen Tag... hat nie richtig nachgelassen, sogar nachdem ich Nahrung zu mir genommen habe.“
„Scheiße.“ Tegan fuhr sich mit der Hand durch sein struppiges lohfarbenes Haar. „Du weißt, was das ist, oder?“
Reichen grunzte und ließ die Augen zufallen, seine Lider waren zu schwer, um sie offen zu halten. „Es ist wegen der Pyro“, murmelte er undeutlich. „Das Feuer lässt nach... und dann setzt der Bluthunger ein. Passiert jedes Mal.“
„Und jedes Mal wird der Hunger schlimmer“, sagte Tegan, eindeutig eher feststellend als fragend.
„Scheiße, Reichen. Die Pyro ist wohl der Auslöser, aber was du da spürst, sind die ersten Symptome von Blutgier, Mann. Bis jetzt hast du die letzte Klippe noch nicht überschritten, aber du bist verdammt nah dran. Und du weißt verdammt gut, was mit dir los ist, hab ich recht?“
Reichen war in Versuchung, es mit einem Kopfschütteln abzustreiten, aber Tegan war kein Idiot.
Als er in das Gesicht des Kriegers blickte, sah er darin Niedergeschlagenheit und Verständnis. Verdammt, er sah einen Mann, der diesen überwältigenden Durst schon am eigenen Leib gespürt hatte. Und so ernst, wie er ihn anschaute, suchten ihn anscheinend selbst Erinnerungen an eine noch viel stärkere Blutabhängigkeit heim als die, gegen die Reichen jedes Mal ankämpfte, wenn seine Pyrokinese ihn überkam.
Er hätte Tegan gern gefragt, wie er sie bekämpft hatte, wie er gegen den heftigen Durst obsiegt hatte, der selbst die stärksten Stammesangehörigen in grausame Killer verwandeln konnte. Doch da krampfte sich sein Bauch wieder anfallartig zusammen. Im Rhythmus der spastischen Schmerzen fletschte er die Zähne, Arme und Beine krampften sich zusammen und krümmten sich gegen seinen Leib.
„Durchatmen“, befahl Tegan. „Du musst stärker sein als der Durst. Er darf nicht Besitz von dir ergreifen.“
Reichen gehorchte. Er hätte jeden Rat befolgt, der ihm etwas Linderung von dieser Tortur verschaffte. Es dauerte ein paar Minuten, bis das Schlimmste vorüber war. Als es so weit war, nickte er schwach, erleichtert über die kleine Ruhepause, die auf den Schmerz folgte.
„Erzähl mir von der Pyrokinese“, sagte Tegan, als Reichen schnaubte und sich mühsam aufsetzte. „Wie bist du bis jetzt so gut damit fertig geworden?
Herrgott, da kennen wir uns nun mit ein paar Unterbrechungen schon ein fast ein paar Jahrhunderte und ich hatte keinen Schimmer von deiner Fähigkeit.“
„Ich bin nicht sonderlich stolz drauf, murmelte Reichen, was so ziemlich die größte Untertreibung seines Lebens war.
Tegan blickte ernst, aber nicht verurteilend.
„Glaubst du vielleicht, ich hätte nie etwas getan, das ich bedauere? Es ist schon schwer, nur ein Jahr zu überstehen, ohne irgendwen oder irgendwas unabsichtlich zu verletzen. Wenn ich anfange, dir zu erzählen, was ich schon alles an Scheiße gebaut habe und am liebsten ungeschehen machen würde... glaub mir, dafür reicht die Zeit nicht. Also, schieß einfach los. Erzähl mir von der Pyro.“
Vielleicht war es nur eine Ablenkungstaktik des Kriegers, um ihn zum Reden zu bringen, statt auf die nächste Schmerzattacke zu warten. Doch was auch immer Tegans Motive waren, Reichen ertappte sich dabei, wie er ihm erklärte, dass er die meiste Zeit seines Lebens keine Ahnung von dem Fluch gehabt hatte, der in ihm lauerte. Er erzählte Tegan, wie es dazu gekommen war, dass er das Feuer erstmals entdeckte - durch Roths Verrat vor knapp dreißig Jahren. Und wie entsetzt er gewesen war, als er bei diesem entsetzlichen ersten Mal erkannt hatte, was seine pyrokinetische Hitze mit jedem anstellen würde, der so unvorsichtig war, in seine Nähe zu kommen.
„Ich habe ein unschuldiges kleines Mädchen umgebracht, Tegan. In Sekundenschnelle war sie so verkohlt, dass sie nicht mal mehr als menschliches Wesen zu erkennen war.“ Er fühlte sich durch und durch krank - aber nicht wegen des Bluthungers, sondern wegen seines abgrundtiefen Selbstekels, der nicht schwächer geworden war und es vielleicht nie werden würde. „Danach war ich entschlossen, diese Fähigkeit nie wieder zum Vorschein kommen zu lassen. Und daran habe ich verdammt hart gearbeitet. Dann hat Roth dieses Todeskommando in meinen Dunklen Hafen geschickt, und ich konnte nichts tun, um die Feuer zurückzuhalten. Er hat mir alles und jeden genommen, der mir etwas bedeutet hat.“
„Fast jeden“, sagte Tegan, und seine unerschrockenen smaragdgrünen Augen blickten verschmitzt. „Wie lange bist du schon in Claire verliebt?“
Reichen stieß einen tiefen Seufzer aus. „So lange, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnere, wie es sich anfühlt, nicht in sie verliebt zu sein.“
„Du hast von ihr getrunken, stimmt's?“
Er nickte, hielt es für sinnlos, es abzustreiten.
„Wie war das nach der Pyro? Hast du da von ihr getrunken?“
„Ja“, antwortete Reichen und erinnerte sich an dieses erste Mal, als er seine Fangzähne in ihrem Hals versenkt hatte. Damals, in Roths Büro in Hamburg.
Jetzt kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. „In der Nacht, in der ich in Roths Dunklen Hafen gegangen war.“
„Und wie ging's dir, nachdem du von Claire getrunken hattest? Wie schlimm war der Durst, nachdem du ihr Blut in dir hattest?“
Reichen überlegte einen Moment lang. „Besser, schätze ich. Nicht mehr so stark.“
Damals hatte er es nicht bemerkt, doch jetzt war er sicher: Von Claire zu trinken hatte sein übermäßiges Verlangen nach Blut gemildert. Er lechzte ständig nach ihr, doch auf eine definitiv andere Art als direkt nach der Pyro, wenn er vor Gier fast zum Tier wurde.
Reichen nickte. „Ich würde alles für sie tun, Tegan.
Auch von ihr weggehen, wie vor langer Zeit schon mal.“
„Und heute?“, drängte ihn Tegan.
„Heute...“
Stirnrunzelnd dachte Reichen darüber nach, wie es zwischen ihnen stand. Sie hatte ihn darum gebeten, nur mit ihr zusammen zu sein - was er sich mehr wünschte als alles andere. Doch in seinem Innersten wusste er, dass er ihr das nicht geben konnte. Nicht, wenn seine Fähigkeit so kurz davor stand, ihn zu beherrschen, und ihm weniger Zeit blieb, als er sich selbst eingestehen wollte. Und dann war da noch die Tatsache, dass Roth und Dragos immer noch lebten, frei herumliefen und imstande waren, ihre üblen Pläne auszuführen.
Reichens Fähigkeit war furchtbar, aber vielleicht eine notwendige Waffe in diesem Krieg, der sich immer weiter zuspitzte. Dann diente sie zumindest einem Zweck - einem noblen Zweck. Er selbst würde dann einem Zweck dienen, der über seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte hinausging.
„Noch so ein Feuer, und ich weiß nicht, ob ich da noch mal heil rauskomme, Tegan. Jedes Mal, wenn meine Macht auflodert, wird sie stärker. Und unkontrollierbarer. Der Blutdurst danach ist höllisch genug, aber das Feuer selbst bedeutet den Tod für jeden, der ihm nahe kommt. Was aus mir wird, ist mir egal, aber Claire...“ Unwillig, überhaupt daran zu denken, brach er abrupt ab. „Sie hat es nicht verdient, in meine Privathölle reingezogen zu werden.“
Tegan hob eine lohfarbene Augenbraue. „Glaubst du wirklich, das wäre sie nicht schon längst? Nur weil du sie wegstößt, heißt das nicht, dass sie ohne dich auch nur einen Deut sicherer wäre.“
„Sie hat meinen Tod gesehen, Tegan.“
„Was?“
„Dieses kleine Mädchen, Mira, hat ihr eine Vision von meinem Tod gezeigt. Claire hat mir gesagt, sie hätte Flammen und Rauch gesehen. Und sie sah sich selbst ins Feuer rennen, um mich zu retten.“
„Himmel noch mal.“
Reichen nickte grimmig. „Du verstehst natürlich, dass ich das nicht zulassen kann. Sie darf nicht in meine Nähe kommen, solange das Feuer nicht unter Kontrolle ist. Ich könnte es nicht ertragen, sie zu verletzen. Und ich will auch, dass sie vor Roth sicher ist. Egal, wie lange es dauert, bis ich diesen Mistkerl fasse, ich werde ihn finden und töten.“
„Apropos“, sagte Tegan. „Die Gelegenheit dazu könntest du schon bald bekommen. Das ist eigentlich auch der Grund, warum ich nach dir gesucht habe.
Wir haben vor ein paar Minuten ein Update von Claire und den anderen reinbekommen.“
Alarm durchzuckte Reichen, sogar noch stärker als der Durst, der immer noch in ihm hämmerte. „Was ist passiert? Geht es ihr gut?“
„Claire geht's bestens. Nichts passiert, aber sie hat ein paar Stunden südlich von hier Signale für Roths Anwesenheit ausgemacht. Die wurden immer stärker, je weiter sie nach Connecticut reinfuhren, also bleiben sie dran und hoffen, dass sie seinen Standort bis Sonnenuntergang eingekreist haben.“
„Roth ist jetzt in Connecticut? Wo genau?“ Reichen musste schlucken, jeder Muskel war angespannt. Er fühlte die Flammen seiner Wut aufflackern und erkannte, dass er sie ersticken musste. Doch seine Sorge um Claire machte jeden vernünftigen Gedanken unmöglich.
„Verdammt noch mal, ich will nicht, dass sie in die Nähe dieses Scheißkerls geht!“
„Reg dich ab!“, sagte Tegan ruhig, der schnell bemerkt hatte, dass das Feuer unter Reichens Hautoberfläche zu prasseln begann. „Claire ist bei diesem Einsatz nicht in Gefahr, das verspreche ich dir.
Sie fahren nur die Straßen ab und spähen Sachen aus. In ein paar Stunden sind sie wieder zurück in Boston und bringen uns die Informationen, die sie gesammelt haben.“
Reichen beruhigte sich und ließ sich gegen die Wand sinken. Er fluchte laut und senkte seinen Kopf zwischen die hochgezogenen Knie. Er konnte Claire in seinem Blut spüren. Seine Verbindung zu ihr gab ihm die nötige Gewissheit, dass sie tatsächlich okay war. Sie war die Ruhe unter der tobenden Flut seiner Venen, kühles Wasser, das die trockene Hitze des Feuers linderte, das nur auf die Gelegenheit wartete, ihn zu verschlingen.
„Was, wenn alles schon zu weit gegangen ist, Tegan?“ Seine Stimme klang hölzern und hohl, selbst in seinen eigenen Ohren. „Was, wenn alles, was wir durchgemacht haben, wenn alles, was ich versucht habe, um sie zu beschützen, nicht genug war? Was, wenn die Vision, die sie gesehen hat, Wirklichkeit wird? Das Einzige, wovor ich sie schützen kann, ist vor mir. Was, wenn Claire mir irgendwann zu nahe kommt und das Feuer sie umbringt?“
„Und was, wenn du dich irrst?“, meinte Tegan. „Wenn sie das Einzige ist, das dich vor dir selbst retten kann?“
Reichen starrte den abgebrühten Gen-Eins-Krieger an, der einst das legendäre Kunststück fertiggebracht hatte, sechzehn Rogue-Vampire im Alleingang auszuschalten. Von der herzlichen Sorte war Tegan nie gewesen, doch jetzt stand in seinen Augen eine abgeklärte Lebensklugheit - ein mitfühlendes Wissen, das noch nicht da gewesen war, als Reichen ihn zuletzt, vor fast einem Jahr, in Berlin gesehen hatte.
Die Liebe zu seiner Stammesgefährtin Elise hatte ihn irgendwie verändert, ihn stärker gemacht und zugleich ein paar seiner schärfsten Kanten geglättet.
Doch Tegan und Elise hatten andere Hürden überwinden müssen. Seine Beziehung zu Claire war fast von Anfang an kompliziert gewesen. Und inzwischen schien sie praktisch unmöglich.
„Ich kann es nicht riskieren“, sagte Reichen. „Ich will es nicht. Wenn ich untergehe, dann tue ich das verflucht noch mal allein.“
Tegan atmete scharf aus und verzog das Gesicht zu einem nicht eben freundlichen Lächeln. „Mit Glanz und Gloria, wie?“
„So was in der Art“, gab Reichen zurück.
Unvermittelt erhob sich der Krieger und warf ihm einen abschätzigen Blick zu. „Du glaubst vielleicht, dass du Claire vor Schaden bewahrst, indem du sie wegschiebst. Aber der Einzige, den du dadurch schützt, bist du selbst. Wenn du verlierst, egal ob gegen die Pyro oder die Blutgier, wird es diese Frau umbringen, und das weißt du. Du willst bloß dafür sorgen, dass du nicht dabei bist und es mitkriegst.“
Reichen machte keinen Versuch, den Vorwurf zurückzuweisen. Tegan gab ihm auch keine Gelegenheit dazu. Er kehrte Reichen den Rücken zu und verließ mit großen Schritten den Waffenraum. Beim Hinausgehen drückte er auf den Lichtschalter und tauchte den Ort wieder in Dunkelheit.
Wilhelm Roth telefonierte gerade mit Dragos, als er wahrnahm, dass sich in seinen Venen seine Stammesgefährtin bemerkbar machte.
Erstaunlicherweise schien Claire gar nicht weit entfernt zu sein. Ziemlich nah sogar, so wie sein Pulsschlag durch die Blutsverbindung zu ihr in Aufruhr geriet. Er war sich verdammt sicher, dass sie keine zwanzig Meilen von ihm entfernt war... und ständig näher kam.
Was zum Teufel hatte sie vor?
Er sah auf die Wanduhr in Dragos' Labor und verzog finster das Gesicht, als er sah, dass es erst kurz nach ein Uhr Mittag war. Volles Tageslicht also.
Hatten sie und Reichen sich am Ende doch nicht um Hilfe an den Orden gewandt? Oder hatten die Krieger ihnen aus irgendeinem Grund die Zuflucht in ihrem Hauptquartier verweigert?
Roth fiel kein Grund ein, weshalb Claire am helllichten Tag in der Gegend sein sollte - ohne Schutz durch Reichen oder einem der Bostoner Krieger.
War sie tatsächlich so dumm, ihn schon wieder auf eigene Faust aufzuspüren?
Roth hätte über so viel Dämlichkeit gelacht, wenn seine aktuelle Zielvorgabe von Dragos nicht davon abhängig gewesen wäre, dass Claire den Orden geradewegs in seine Arme führte. Wenn sie allein kam, würde sie den ganzen Plan vermasseln.
„Sie sind ja plötzlich so überaus schweigsam, Herr Roth. Stimmt etwas nicht?“, fragte Dragos. Seine Stimme am anderen Ende der Leitung musste sich gegen einen gewaltigen Lärm im Hintergrund behaupten - ein metallisches Dröhnen, das den unterschwelligen Zorn, der in dem äußerlich so ruhigen Vampir tobte, dennoch nicht völlig verbarg.
„Sie haben mir gerade erzählt, alles wäre bereit, wie wir es besprochen haben.“
„Ja, Sir“, erwiderte Roth. „Aber da ist etwas...
Seltsames.“
„Ach?“ Sein Ton war so spitz wie eine Klinge, die über einem Kopf schwebte, der demnächst rollen würde. „Berichten Sie.“
„Es ist Claire. Ich spüre, dass sie unterwegs ist, Sir. Ich glaube, sie nähert sich dem Labor. Und sie wird mich spüren, genau wie ich sie. Ich vermute, sie hat beschlossen, nach mir zu suchen.“
„Wie spät ist es?“, fragte Dragos. Durch seine Frage drangen das plötzliche Ertönen einer Sirene und eine gedämpfte Stimme, die unverständlich über eine Art Kaufhaus-Lautsprecher quäkte.
„Früher Nachmittag, Sir. Ein paar Minuten nach eins.“
Dragos grunzte und dachte eine Weile schweigend nach. „Wenn Ihre reizende Stammesgefährtin Sie tatsächlich ausfindig macht, lassen Sie sie auf jeden Fall hinein. Geben Sie den Lakaien vom Sicherheitsdienst im Erdgeschoss eine Beschreibung der Frau. Sagen Sie ihnen, ich wünsche, dass sie draußen nach ihr suchen und sie in die Anlage bringen.“
„Aber der Plan“, wandte Roth ein. „Ich dachte, es sei notwendig, dass sie den Orden zu uns führt.“
„Natürlich“, fauchte Dragos. „Das wird sie auch.
Ihre Schmerzen werden den Mann anlocken, mit dem sie verbunden ist, und der wird dafür sorgen, dass der Orden ihn begleitet.“
„Folter?“, meinte Roth, hin und her gerissen zwischen der Vorfreude auf die Qualen, die Claire bevorstanden, und seinem eigenen Anteil daran.
Denn durch seine Blutsverbindung zu ihr würde auch er unweigerlich alles mitempfinden, was man ihr zufügte.
Am anderen Ende der Leitung kicherte Dragos.
„Die konkrete Durchführung ihrer Behandlung überlasse ich Ihnen, Herr Roth. Rufen Sie mich sofort wieder an, sobald Sie mehr erfahren.“
„Jawohl, Sir“, antwortete Roth.
Er klappte das Handy zu und begann sich auszumalen, auf wie viele langsame, sadistische Arten er Claire zum Schreien bringen würde.